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Auftragsbearbeitungsvertrag (AVV): Wann brauche ich einen und was muss rein?

Rédaction ComplianceCore··8 min de lecture

Sobald ein externer Dienstleister in Ihrem Auftrag Personendaten bearbeitet, ist ein schriftlicher Auftragsbearbeitungsvertrag (AVV) Pflicht — nach Art. 9 DSG in der Schweiz und Art. 28 DSGVO in der EU. Das gilt für Cloud-Provider, externe Lohnbuchhaltung, Newsletter-Tools, CRM-Software und IT-Support. Fehlt der AVV, verstossen Sie als Verantwortlicher gegen das Datenschutzgesetz — auch wenn der Dienstleister seinerseits keinen Fehler gemacht hat.

Art. 9

DSG — gesetzliche Grundlage

Schriftlich

Pflichtform — kein mündlicher AVV

Sub-AB

Nur mit Genehmigung zulässig

Was ist Auftragsbearbeitung nach Art. 9 DSG?

Auftragsbearbeitung liegt vor, wenn ein Dritter (Auftragsbearbeiter) Personendaten im Auftrag des Verantwortlichen bearbeitet — und dabei ausschliesslich nach dessen Weisungen handelt. Der Auftragsbearbeiter bestimmt nicht selbst über den Zweck der Bearbeitung, sondern führt nur aus.

Das Gesetz verlangt eine schriftliche Vereinbarung, die den Auftragsbearbeiter verpflichtet: nur nach Weisung zu handeln, die Datensicherheit zu gewährleisten, Mitarbeitende zur Vertraulichkeit zu verpflichten und keine Sub-Auftragsbearbeiter ohne Genehmigung einzusetzen.

ℹ️

Wichtig: Auch wenn ein Schweizer KMU nur dem revDSG unterliegt, haben die meisten grossen SaaS-Anbieter (Microsoft, Google, Salesforce, Mailchimp) ihren Sitz in der EU oder den USA und stellen AVV/DPA-Dokumente nach DSGVO-Standard aus. Diese Dokumente erfüllen gleichzeitig die Anforderungen des Art. 9 DSG — Sie brauchen keinen separaten CH-spezifischen AVV.

Brauche ich einen AVV? — Entscheidungsbaum

?Bearbeitet ein externer Dienstleister Personendaten für Sie?
Nein → Kein AVV nötig
?Handelt er ausschliesslich nach Ihren Weisungen (kein eigener Zweck)?
Nein — er bestimmt selbst über den Verwendungszweck → Kein Auftragsbearbeiter — prüfen ob gemeinsame Verantwortlichkeit vorliegt
?Ist die Bearbeitung rein persönlich/familiär oder für Journalismus/Forschung (Ausnahme Art. 2 DSG)?
Ja → Ausnahme möglich — rechtliche Prüfung empfohlen
Nein → AVV nach Art. 9 DSG ist Pflicht

Typische Fälle: Wann gilt die AVV-Pflicht?

Die folgende Tabelle zeigt für die häufigsten externen Dienstleister, ob ein AVV erforderlich ist — und wo dieser üblicherweise zu finden ist.

Dienstleister / ToolAVV nötig?Hinweis
Microsoft 365 / AzurePflicht
Data Processing Agreement im Microsoft 365 Admin Center unter Einstellungen → Org-Einstellungen. Automatisch aktiviert bei kommerziellem Abonnement.Gilt für E-Mails, Teams, SharePoint, OneDrive
Google WorkspacePflicht
Data Processing Amendment im Google Admin Console aktivieren. Enthält Standardvertragsklauseln für Auslandtransfers.Gilt für Gmail, Drive, Meet, Calendar
Salesforce CRMPflichtData Processing Addendum auf trust.salesforce.com verfügbar. Gilt für alle Kundendaten die in Salesforce gespeichert werden.
Mailchimp / KlaviyoPflichtData Processing Agreement in den Account-Einstellungen akzeptieren. Enthält Regelungen zu US-Transfer (DPF) und Sub-Auftragsbearbeitern.
Externe LohnbuchhaltungPflicht
Lokaler Treuhänder oder Lohnbuchhaltungssoftware: AVV schriftlich abschliessen. Kleine Treuhandbüros haben oft keinen Standardvertrag — eigene Vorlage einsenden.AHV-Nummern, Lohndaten = besonders sensibel
IT-Support / Managed ServicePflichtSobald der IT-Dienstleister Zugriff auf Systeme mit Personendaten hat (z.B. für Wartung, Updates, Backup). Häufig vergessen — AVV-Pflicht besteht klar.
Buchhaltungssoftware (Abacus, Bexio)PflichtCloud-basierte Buchhaltungssoftware bearbeitet Kunden- und Lieferantendaten. AVV / DPA in den Nutzungsbedingungen oder auf Anfrage beim Anbieter.
Steuerberater / RevisorenPrüfenWenn der Steuerberater eigenverantwortlich Ihre Steuererklärung erstellt, ist er möglicherweise selbst Verantwortlicher — nicht Auftragsbearbeiter. Kommt auf die Ausgestaltung an.
Webhosting / ServerPflichtDer Hosting-Anbieter speichert Website-Daten inkl. Logs mit IP-Adressen. AVV meist in den AGB enthalten oder separat abrufbar (z.B. Hostpoint, Infomaniak).
Anwalt / NotariatKein AVVAnwälte und Notare unterliegen dem Berufsgeheimnis und sind eigenständig Verantwortliche — kein Auftragsbearbeitungsverhältnis.

Auftragsbearbeiter vs. gemeinsam Verantwortliche

Die Abgrenzung ist entscheidend — denn je nach Rolle gelten unterschiedliche Vertragspflichten.

Auftragsbearbeiter

Zweckbestimmung

Handelt ausschliesslich nach Weisung — kein eigener Zweck

Beispiele

Cloud-Hosting, Newsletter-Versand, IT-Support, externe Lohnbuchhaltung

Vertrag

AVV nach Art. 9 DSG

Haftung

Primär beim Verantwortlichen

Gemeinsam Verantwortliche

Zweckbestimmung

Beide bestimmen gemeinsam Zweck und Mittel

Beispiele

Co-Marketing-Kampagnen, gemeinsame Kundendatenbanken, Joint Ventures

Vertrag

Joint Controller Agreement (Art. 26 DSGVO)

Haftung

Solidarisch zwischen beiden Parteien

⚠️

Grauzone Social Media: Meta (Facebook/Instagram) und LinkedIn sind bei Business-Seiten häufig als gemeinsam Verantwortliche einzustufen — nicht als Auftragsbearbeiter. Das Betreiben einer Facebook-Seite kann also eine Joint-Controller-Situation begründen, die eine andere Vereinbarung erfordert als ein einfacher AVV.

Pflichtinhalt des AVV

Art. 9 DSG schreibt keine abschliessende Liste vor, aber aus dem Gesetzestext und der Praxis ergibt sich folgender Mindestinhalt:

1

Gegenstand, Dauer und Art der Bearbeitung

Was wird bearbeitet, wie lange, auf welchen Systemen? Beschreibt den konkreten Auftrag.

2

Zweck der Bearbeitung

Ausschliesslich der vom Verantwortlichen bestimmte Zweck — der Auftragsbearbeiter darf die Daten nicht für eigene Zwecke nutzen.

3

Art der Personendaten und Kategorien Betroffener

Welche Datenkategorien werden bearbeitet? Kontaktdaten, Lohndaten, Gesundheitsdaten? Wer ist betroffen?

4

Weisungsgebundenheit

Der Auftragsbearbeiter bearbeitet Daten nur nach dokumentierten Weisungen des Verantwortlichen.

5

Vertraulichkeit

Alle mit der Bearbeitung befassten Personen müssen zur Vertraulichkeit verpflichtet sein oder einem gesetzlichen Berufsgeheimnis unterliegen.

6

Datensicherheit

Technische und organisatorische Massnahmen (TOM) zum Schutz der Daten, angemessen zum Risiko.

7

Sub-Auftragsbearbeiter

Regelung ob und unter welchen Bedingungen Sub-Dienstleister eingesetzt werden dürfen. Vorabgenehmigung oder Listenpflicht mit Widerspruchsrecht.

8

Unterstützungspflichten

Auftragsbearbeiter unterstützt den Verantwortlichen bei Auskunftsbegehren, Datenpannen und Datenschutz-Folgenabschätzungen.

9

Löschung oder Rückgabe nach Auftragsende

Was passiert mit den Daten nach Vertragsende? Rückgabe oder sichere Löschung — schriftlich festhalten.

Muster-Klauseln

Klausel 1 — Weisungsgebundenheit

Gegenstand und Weisungsbindung

«Der Auftragsbearbeiter bearbeitet Personendaten ausschliesslich auf dokumentierte Weisung des Verantwortlichen hin — auch in Bezug auf die Übermittlung in Drittländer. Der Auftragsbearbeiter informiert den Verantwortlichen unverzüglich, falls er der Ansicht ist, eine Weisung verstosse gegen datenschutzrechtliche Bestimmungen.»

Art. 9 Abs. 1 DSG — Kernpflicht

Klausel 2 — Sub-Auftragsbearbeiter

Einsatz von Sub-Auftragsbearbeitern

«Der Auftragsbearbeiter darf Sub-Auftragsbearbeiter nur mit vorheriger schriftlicher Zustimmung des Verantwortlichen einsetzen. Er übermittelt dem Verantwortlichen auf Anfrage eine aktuelle Liste seiner Sub-Auftragsbearbeiter. Bei beabsichtigten Änderungen informiert er den Verantwortlichen mit einer Vorlaufzeit von mindestens [30] Tagen. Der Verantwortliche kann Änderungen aus datenschutzrechtlichen Gründen widersprechen.»

Art. 9 Abs. 2 DSG — Sub-Auftragsbearbeitung

Klausel 3 — Vertragsende

Rückgabe und Löschung

«Nach Abschluss der Erbringung der Verarbeitungsleistungen gibt der Auftragsbearbeiter nach Wahl des Verantwortlichen alle Personendaten zurück oder löscht sie und löscht vorhandene Kopien, sofern nicht eine gesetzliche Pflicht zur Aufbewahrung besteht. Der Auftragsbearbeiter bestätigt die Löschung schriftlich auf Verlangen.»

Art. 9 Abs. 3 DSG — Datenlöschung

Bestandsaufnahme: So prüfen Sie Ihre AVV-Situation

1

Alle externen Dienstleister aus dem VVT auflisten

ca. 30 Minuten

Das VVT enthält unter «Empfänger» alle Dienstleister die Personendaten erhalten. Diese Liste ist Ihre AVV-Checkliste. Wer noch kein VVT hat: zuerst alle genutzten Tools und Dienstleister aufschreiben.

2

Bestehende Verträge auf AVV-Klauseln prüfen

ca. 60 Minuten

Für jeden Dienstleister prüfen: Gibt es bereits einen AVV, DPA oder Datenverarbeitungsvertrag? Bei grossen Anbietern (Microsoft, Google, Salesforce) liegt der AVV meist online vor oder ist im Kundenportal aktivierbar.

3

Fehlende AVV anfordern oder eigene Vorlage senden

ca. 60 Minuten

Dienstleister ohne Standard-AVV — vor allem kleine lokale Anbieter — anschreiben und den Abschluss eines AVV verlangen. Eigene Vorlage mitschicken. Die meisten Dienstleister reagieren positiv, wenn der Vertrag nicht zu bürokratisch ist.

4

Sub-Auftragsbearbeiter-Listen anfordern

ca. 20 Minuten

Grosse SaaS-Anbieter führen öffentliche Listen ihrer Sub-Auftragsbearbeiter (z.B. Microsoft: «Online Services Subprocessors»). Diese Listen im AVV referenzieren oder als Anlage beifügen.

5

AVV im VVT dokumentieren

ca. 20 Minuten

Für jeden abgeschlossenen AVV im VVT vermerken: Datum des Abschlusses, Version, Fundort (Dateiname, URL oder Ablageort). So haben Sie jederzeit einen vollständigen Überblick.

Wann brauche ich einen Auftragsbearbeitungsvertrag (AVV)?+
Immer wenn ein externer Dienstleister in Ihrem Auftrag Personendaten bearbeitet — und Sie den Zweck bestimmen. Typische Fälle: Cloud-Hosting, externe Lohnbuchhaltung, Newsletter-Tools, CRM-Software, IT-Support mit Datenzugriff. Rechtsgrundlage: Art. 9 DSG.
Was muss ein AVV nach Art. 9 DSG mindestens enthalten?+
Mindestens: Gegenstand und Dauer, Art und Zweck, Datenkategorien, Weisungsgebundenheit, Vertraulichkeit, Datensicherheit, Regelung zu Sub-Auftragsbearbeitern, Unterstützungspflichten und Löschung/Rückgabe nach Auftragsende.
Muss ich mit Microsoft, Google oder Salesforce einen AVV abschliessen?+
Ja — aber diese Anbieter haben standardisierte AVV/DPA-Dokumente die Sie als Kunde aktivieren müssen. Bei Microsoft 365 ist der DPA im Admin Center verfügbar. Bei Google Workspace muss das Data Processing Amendment aktiviert werden. Bei Salesforce liegt ein Data Processing Addendum auf trust.salesforce.com vor.
Was ist der Unterschied zwischen Auftragsbearbeiter und gemeinsam Verantwortlichen?+
Ein Auftragsbearbeiter handelt ausschliesslich nach Weisung — er bestimmt keinen eigenen Zweck. Gemeinsam Verantwortliche bestimmen gemeinsam Zweck und Mittel. Der Unterschied ist rechtlich entscheidend: Auftragsbearbeitung erfordert einen AVV nach Art. 9 DSG, gemeinsame Verantwortlichkeit eine Joint-Controller-Vereinbarung nach Art. 26 DSGVO.
Darf ein Auftragsbearbeiter Sub-Auftragsbearbeiter einsetzen?+
Nur mit Genehmigung. Die meisten grossen SaaS-Anbieter haben eine allgemeine Vorabgenehmigung für ihre Sub-Auftragsbearbeiter und führen öffentliche Listen dieser Sub-Dienstleister. Als Verantwortlicher können Sie Änderungen widersprechen — in der Praxis ist das selten notwendig, solange Sie informiert bleiben.

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Ces informations sont fournies à titre informatif et ne constituent pas un conseil juridique.

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